Last & Inspiration. 800 Jahre Diözese Graz-Seckau

Datum
13. 4. – 14. 10. 2018
Di - Fr: 10 - 17 Uhr
Sa, So und Feiertag: 11 - 17 Uhr

Ort
Priesterseminar, Diözesanmuseum, Mausoleum, QL-Galerie und Stadtpfarrkirche Graz

Führung
Öffentliche Führungen: samstags um 15 Uhr
Kontakt für Führungsanmeldung (für Gruppen): Diözesanmuseum Graz: +43 316/8041-890
dioezesanmuseum@graz-seckau.at
Führung in der Ausstellung: frei

  • Die Marienkleider von Mariazell - noch nie ausgestellt - sind der "Grüß-Gott-Blick" ins Diözesanmuseum.

Nicht als Schatten, sondern als Erleuchtung; nicht als Last, sondern als Flügel: Nur so lässt der Dichterphilosoph Philippe Jaccottet die „Werke der Vergangenheit, die unsere Kultur ausmachen“, zu. Unter acht Gesichtspunkten werden in der umfangreichen Ausstellung im Priesterseminar und im Mausoleum die Ausprägungen der Religionsgeschichte dieses Landes betrachtet: im Hinblick auf Macht, das Beharren auf oder Suchen nach einer „richtigen“ Religion, auf die Angst und die Wunder, das Denken, die immer neuen Aufbrüche, aber vor allem auf die Schönheit in einer 1000-jährigen Sakralkunst.

Teilnehmende KünstlerInnen:
Luc Tuymans, John Pawson, Ruth Schnell (Masoleum); Zlatko Kopljar, Adrian Paci, Franz Kapfer, zweintopf, Johanna und Helmut Kandl, Hartwig Bischof, Peggy und Thomas Henke, Muntean/Rosenblum, (Priesterseminar); Guillaume Bruère (QL-Galerie); sowie zeitgenössische Kreuzarbeiten aus den Sammlungen der Diözese von: Christian Eisenberger, Manfred Erjauz, Karin Frank, Klaus G. Gaida,Hermann Glettler, Elmar Gubisch, Michael Gumhold, Fritz Hartlauer, Werner Hofmeister, Christian KRI Kammerhofer, Othmar Krenn, Delaine Le Bas, Fritz Panzer, Wendelin Pressl, Arnulf Rainer, Markus Wilfling, Johanes Zechner, Judith Zillich

Kuratiert von Johannes Rauchenberger,  Heimo Kaindl und Alois Kölbl 


DETAILS ZUR AUSSTELLUNG

Wenn man Gästen die Kirche dieses Landes erklären will, womit fängt man an? Was zeichnet diese in ihrer Geschichte aus? Wer vermag davon überhaupt etwas zu erzählen? Die Kirche in der Steiermark ist weitgehend – verdächtig weitgehend – (warum nur?) „katholisch“, und diese Bezeichnung ist weltweit ein Zeichen der Wiedererkennbarkeit – in Form der Ämter, der Feste und Riten. Aber es gibt lokale Färbungen, lokale Geschichte(n). Es gibt Erzählungen. Kurz, was wären die sogenannten „Narrative“, die die steirische Kirche ausmachen?

Dabei stellen wir nicht Strukturfragen und Reformansätze ins Zentrum, sondern wir blicken zurück: Denn länger als jeweilige Lebensbiografien bleiben Bauten, Bilder und vielleicht auch Haltungen. Auch Riten und Rituale und religiöses Brauchtum zählen dazu. Sie sind tief in der Geschichte verwurzelt. Sie sind eigentlich – auch in Reformzeiten – Fundament und Gedächtnis unserer Glaubensgeschichte. Sie zeugen zugleich von der engen Verflechtung von Schicksal, Religion, Denken, Macht und Glaubenskonflikten in der Geschichte dieses Landes. 

Mit einmaligen Objekten aus der Vergangenheit, mit zeitgenössischer Kunst und mit virtuellen Reisen durch eine 1000-jährige Sakralkunst wird nach Last und Inspiration der Kirche dieses Landes gefragt, die sich gerade dramatisch neu formiert. Und genau damit blicken wir leidenschaftlich nach vorne. Ohne die Selbstvergewisserung dessen, was war, wird Zukunft nicht gelingen.

 

 

Ein Flackern der Geschichte, auch in der Linse gespiegelt – und eine genmutierte Blume für den Kaiser der Gegenreformation
Die Ausstellung setzt ein mit der Verschränkung von Macht und Religion: Der Grazer Dom, das angebaute Oratorium Kaiser Friedrichs III., das ehem. Jesuitenkollegium, die angrenzende Universität und das Mausoleum Kaiser Ferdinands II: Wir befinden uns mitten in den Exponaten dieser Ausstellung selbst. Sie wollen wir eigentlich sichtbar machen, auch Räume, wo man nicht hinkommt: Eine Blume wächst etwa in der Gruftkammer des Mausoleums an der Wand empor: Gemalt hat sie Luc Tuymans, einer der bedeutendsten Maler der Gegenwart. Sie widersetzt sich diesem Bau. Ihr Aussehen erscheint genmanipuliert. Welche Gene wirken im historischen Gedächtnis weiter? Beim Betreten des Raums der Grazer Katharinenkirche des Grazer Mausoleumsbündelt John Pawsons Spiegel-Skulptur „Perspectives“ nicht nur einen Raum von hoher architektonischer und künstlerischer Qualität, sondern lenkt den Blick auch auf Macht- und Herr­schaftsgeschichte. Und im Mausoleumsraum selbst erscheinen aus der Ferne plötzlich Worte: “Cuius regio – wes das Land” ist ein Werk der Medienkünstlerin Ruth Schnell. Man sieht die Worte, die von einem computercodierten Leuchtstab kommen, nur, wenn man absichtslos blickt – oder wegschaut. Erzherzog Karl II. und sein Sohn, der als Kaiser Ferdinand II. die Schlacht am Weißen Berg am Beginn des Dreißigjährigen Krieges schlug, haben in der Steiermark mit politischer Macht die katholische Gegenreformation durchgeführt. Während Karl II. sich in der ehemaligen Seckauer Kathedrale ein beeindruckendes Grab errichten ließ, beauftragte Ferdinand II. in seiner geliebten Heimatstadt Graz einen monumentalen Grabbau. Eine andere Wortfolge reagiert in der Grazer Stadtpfarrkirche auf den Ort, von dem bereits unter Kaiser Friedrich III. die Juden vertrieben wurden. Mit ihren Interventionen verknüpft die Künstlerin drei neuralgische Orte der Diözesangeschichte und holt auch Macht-, Unterdrückungs- und Vertreibungsgeschichte ans Licht.
 

Zeichen und Momente der Verflechtung

Der erste Raum in der Ausstellung im Diözesanmuseum/Priesterseminar nimmt gleichsam als Ouvertüre darauf Bezug und richtet den Blick zuerst auf die von Kaiser Friedrich III. erbaute Hofkirche – er ist der erste und einzige Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, der von Graz aus regiert. Aber der Raum rekurriert auch auf die Geschichte des leidenschaftlichen Ineinanders von „Thron und Altar“: Der steirische Panther hält die Monstranz, er ist bekrönt mit dem Herzogshut, der zugleich als Deckel für den Kelch dienen kann. An einer zweiten Monstranz tritt Maria im Typus der „Mariazellerin“ mit ihrem Fuß auf den Türkenkopf – so sehr kann sich das Motiv der Apokalyptischen Frau im überschwänglichen Barock am Land verwandeln: Die Monstranz stammt aus Preding, sie wird bis heute benutzt. Das „Türkengedächtnis“ zählt querfeldein zu den ganz zentralen Narrativen der Geschichte dieses Landes. Auf vielen Hauptplätzen finden sich Mariensäulen, die anlässlich des Sieges über die Osmanen errichtet worden sind. Die wohl wichtigste davon befindet sich in Graz am Eisernen Tor; sie wird politisch immer wieder vereinnahmt. Die Nazis ummanteln sie beim Einmarsch Adolf Hitlers rot: 50 Jahre später wird diese Inszenierung von Hans Haake im steirischen herbst wiederholt, nun wird die Ummantelung von Vandalen angezündet! Und von Felix Wiegele nachgeschnitzt, die Mariensäule erneuert. Im Kulturhauptstadtjahr erhält sie von Richard Kriesche sogar einen Lift, damit man ihr direkt ins Gesicht blicken kann: dieser Aufzug wird mindestens so oft abgebildet wie die neu schwimmende Murinsel. Das zerschmolzene Gesicht aber hat Felix Wiegele dem Diözesanmuseum geschenkt. Es bildet ein zentrales Ausstellungsstück – aber weniger um der Bestürzung über die ikonoklastische Tat gegen die Gottesmutter Ausdruck zu verleihen, sondern um an die braunen Geister der Vergangenheit zu erinnern. Schließlich feiert nicht nur die Diözese ihr 800-jähriges Gründungsdatum, sondern es ist auch das 80. Jahr des Anschlusses an Nazi-Deutschland. Und es bleibt auch die Warnung, dass die Diskussion um religiöse Zeichen in der Öffentlichkeit der letzten Jahre (Kopftuch- und Burkadebatte, Minarettdiskussion, Kreuze in den Klassenzimmern) nicht allzu naiv geführt wird. Das Verschwinden der religiösen Zeichen – vor wenigen Wochen mussten etwa selbst an der ehrwürdigen Theologischen Fakultät der Universität Wien die Kreuze abgenommen werden – trägt nicht automatisch zur Befriedung bei. Jemand kommt und setzt irgendwann neue – die Nazis haben das brutal bewiesen. 

Kostbarste Kleidchen

Der dritte Raum ist eigentlich vom Eingang aus schon einsehbar: Kostbare Kleidchen sind zu sehen. Sie gehören der Madonna von Mariazell. Wenn es einen Ort gibt, der die steirische Kirche „ausmacht“, dann ist es dieser Ort. „Ich war noch nie in Mariazell“ lautete eine Werbekampagne vor Jahren zur Restaurierung dieses Wallfahrtsortes, der heute völlig singulär dasteht und vor wenigen Monaten zu Recht den Bauherrenpreis für vorbildliche Restaurierung erhalten hat. Es ist kein gottgegebenes Wunder, dass dieser Ort derart Geschichte gemacht hat. Er hat seine Förderer und Sponsoren: Der Erfolg von Mariazell ist ohne das Haus Habsburg wohl nicht zu denken. Ferdinand II., der im Mausoleum in Graz begraben ist, erhebt die Madonna von Mariazell zur „Magna Mater Austriae“. Mariazell ist exempt, also nicht dem Bischof, sondern dem Papst unterstellt, mehr aber noch wohl dem Kaiserhaus, das mit diesem Ort eine spezifische Form des Katholizismus gebaut hat. Erst seit 1859 ist er Teil der Diözese Seckau. Mariazell ist aber genau so wichtig für Ungarn, Mähren, Kroatien usw. Der Ungarnkönig Ludwig hat die gotische Kirche im 14. Jahrhundert überhaupt erst finanziert – er löst damit ein Gelübde ein: Mit der Hilfe des Bildes, das in der Schatzkammer aufbewahrt ist, gewinnt er die Schlacht... gegen die türkischen Völker! Ein Wachsreliefbild in der Schatzkammer zeigt, wie die Türken Mariazell belagern, nur sind sie in Wirklichkeit nie dagewesen. Man verstrickt sich in die Geschichte, wenn man nachbohrt, man wird sprachlos, wenn man die Schatzkammer besucht. Kein anderer Ort in Österreich hat religionspolitisch in den letzten Jahrzehnten so reüssiert wie Mariazell: Staats- und Papstbesuche, Antrittsbesuche von Bundespräsidenten und Bundeskanzler, der Mitteleuropäische Katholikentag, das diözesane Motto der letzten Jahre, „Auf Christus schauen“ – es ist ebenso dieser Statue entnommen. Für die Ausstellung sind 18 kostbarste Kleider der Madonna von Mariazell nach Graz gewandert: Sie sind bislang noch nie gezeigt worden. Die Mariazeller Madonna besitzt insgesamt 130 solcher Kleider. Sie stammen alle aus der Zeit nach Kaiser Josephs II. – denn der hat die Vorgängerkleider allesamt vernichtet. 

Maria Hülf. 

Angst und Wunderglaube – ein weiteres Narrativ in der Religionsgeschichte dieses Landes: Mit den Pestsäulen, den Mariensäulen, mit dem Marien- und Heiligenkult wird versucht, diesem religiös beizukommen. Dass dies auch in der Sprache zeitgenössischer Kunst glaubwürdig möglich sein kann, zeigt die Videoinstallation im Gang des Südflügels, der von betörenden dalmatischen Marienliedern beherrscht wird. Die „Mutter vom Guten Rate“, einst von den Engeln aus Albanien wegen der heranziehenden Türken nach Rom überflogen, kommt via Skype-Schaltung wieder zurück ins arme Land. Aber sollte sie nicht wirklich zurückkommen, dort, wo es noch echte Armut gibt? Adrian Paci gelingt mit pilgrIMAGE ein bewegendes Werk. Es sind Legenden, die Maria mit der Geschichte verweben; zwei weitere werden im inneren Ausstellungsraum zum Thema: Maria Loreto und Mariahilf – sie sind beide eng mit der Geschichte dieser Stadt und dieses Landes verbunden. Der spätere Kaiser Ferdinand II. gelobt in Loreto, das „Land von der Ketzerei zu befreien“. Und das Gnadenbild Mariahilf wird von Pietro de Pomis, dem Propagandamaler, -künstler und -architekt des späteren Kaisers, gemalt: Mit seinen Bildern und seinen Bauten – Mariahilferkirche, Domkapellen und Mausoleum (auch Schloss Eggenberg!) – beginnt die Gegenreformation. Die Gegenreformation geht von Graz aus! Nachdem die Türken besiegt sind, empfiehlt Papst Innozenz XI. dieses Gnadenbild der ganzen Christenheit.

Derartige Geschichten weiß Franz Kapfer zu erzählen. Er arbeitet mit den Untergründen unserer Kultur, verbindet sie mit den Geschichten eines/einer jeden und versucht, die Distanz außer Kraft zu setzen. So auch bei „KRUZITÜRKEN!“, ein Fluch, den man bis heute in der Steiermark vernehmen kann: Die Installation im Südflügel besetzt nicht nur den Raum, sondern besetzt auch das Gedächtnis von Geschichte. 

Die Gottesmutter Maria also ist in diesem Land eng mit den Narrativen der Abgrenzung und der „rechten Religion“ verbunden. Aber im Mittelalter wurden auch andere Bilder von ihr entwickelt: Jene der Schutzmantelmadonna, jene der „Schönen Madonna“ oder jene der Pietà. Der französische Künstler Guillaume Bruère hat sie im Februar in der Alten Galerie fünf Tage lang hintereinander gezeichnet: 40 einzigartige Zeichnungen sind dabei entstanden, eine Auswahl davon ist im Kunsthaus und in der QL-Galerie zu sehen. Manche von ihnen zeichnete er drei, vier Mal hintereinander: Man kann nachvollziehen, wie konzentrierter jeweils ein Motiv geworden ist. Unsagbar schön!

m ersten Stock werden sich diese Bilder in die Geschichte einer 1000-jährigen Sakralkunst in Form von Videominiaturen einreihen, neben einzigartigen Sakralbauten, Wandmalereien und Altären, Kreuzen – von der Romanik bis zur Gegenwart. Wir sind dabei im Winter, mit Drohne und Kamera ausgerüstet, hunderte von Kilometern abgefahren, um uns diese Schönheiten von Menschen vor Ort erzählen zu lassen. 

Vorher aber noch gilt es, im abschließenden Ausstellungsraum des Diözesanmuseums „Maria“ im Wallfahrts- und Votivbildwesen zu besuchen. Es ist bemerkenswert, wie viele Wallfahrtsorte es in der Steiermark gibt. Viel dichter geht es wohl nicht mehr (weltweit gesehen?). Manche, sehr viele von ihnen sind eingeschlafen oder still gelegt. Manche nicht. Es bleibt die Frage im Raum, wann und zu welchen Bedingungen ein Gnadenbild Wunder wirkt. Und wann es aufhört. Etwa, wenn es ins Museum kommt? Helmut und Johanna Kandl gehen im Zuge ihrer Beschäftigung mit europäischen Marienwallfahrtsorten (und wie sich Menschen, einfache Gläubige, Priester, aber auch Bischöfe dort verhalten) den „Mariazellerweg“ mit. „Alma Mater Austriae“ ist ein dokumentarisches Tagebuch einer Wallfahrt nach Mariazell anno 2007, also im 850. Jahr des Bestehens dieses größten Wallfahrtsortes der Steiermark. zweintopf setzen etwa zeitgleich ihre subversive Wallfahrt an einem anderen Ort der Steiermark, nämlich in Frauenberg bei Admont an. Es ist ein subtil-ironischer Kommentar zum Wunderglauben heute, der in Zeiten des Bankencrash in den Kapitalismus gekippt ist.  

 

Religionskonflikte

„Wer hat die richtige Religion?“ Das Verhältnis der Katholische Kirche zu den anderen Kirchen ist im 800. Gründungsjahr der Diözese herzlich, freundschaftlich und von einem ökumenischen Geist getragen: Auch so kann sich eine Institution, die mindestens 200 Jahre lang als die „Religion der Sieger“ eine Konfession bekämpft hat, transformieren. Die Herausforderung der Zukunft ist der Dialog der Religionen und der Dialog mit jenen, denen der Glaube fremd geworden ist. Dennoch, ein Rückblick ist in der „Stadt der Reformation“, zu der sich Graz vor einem Jahr erklärt hat, angezeigt. Graz ist auch die „Stadt der Gegenreformation“. Und dies wohl viel eher, wenn man auch nur ein wenig die Bauten und Bilder in Betracht zieht: Jesuitenkollegium, Alte Universität, Mausoleum, Antoniuskirche, Mariahilferkirche, Dreifaltigkeitskirche – um nur die wichtigsten zu nennen. Wie soll man diese Zeit abbilden?

Das „Brucker Libell“ ist im Raum hinter dem Barocksaal das kostbarste Ausstellungsstück. Hätte Erzherzog Karl II. 1580 seine Unterschrift unter dieses Schriftstück gesetzt, wäre die Steiermark wohl protestantisch geblieben. Er verweigert. Das „Cuius regio, eius religio“ sollte vielmehr für das Gegenteil sorgen. Dafür ist unter anderem eine Frau treibend: Maria Anna von Bayern. Dokumente der „Katholischen Erneuerung“ sind in den Vitrinen zu sehen, das älteste Matrikenbuch aus Haus („keine einzige katholische Taufe!“), ein Missale der tridentinischen Messreform, Prägemünzen von Bischof Brenner, der das Reformwerk intensiv angegangen ist, Beichtzettel. Und eine Grablegung von Francisco Scolari – nur ein Beispiel, dass man in jener Zeit zur Wiedererlangung des katholischen Glaubens auf italienische Künstler setzt: In Rom, mit den Jesuiten, beginnt die „südliche Reformation“. Aus dem Norden freilich ist längst die deutsche Sprache für die Liturgie eingedrungen. Auch so schöne Sätze wie „All so sehr hat Gott die Welt geliebt…“ Oder: „Allein durch den Glauben wird der Mensch gerecht gemacht.“ Man sieht die Sätze aus der Bibel, die man dann fast 200 Jahre lange verstecken muss, im Durchblick in den Barocksaal, aufgemalt auf der Rückseite des einzigen (!) Altars, der sich aus der Zeit, als die Steiermark fast zur Gänze protestantisch ist (1570), erhalten hat. Er ist der stellvertretende Kommentar für eine äußerst konfliktreiche Zeit in der Glaubensgeschichte der beiden Konfessionen in diesem Land. In der Ausstellung bildet er die Form einer „Gastfreundschaft“ im ehemaligen Bibliotheks- und später Kapellenraum dieses Hauses. Allein durch Glauben? Das „Allein“ hat man später durchgestrichen, im Originaltext ist es tatsächlich nicht zu finden.

Die Katholische Kirche setzt fortan auf die 

Werke, vor allem sinnliche Werke

in Form von Bauten, Bildern und Altären. Wer im Anschluss im Zeitraffer durch 1000 Jahre Sakralbaugeschichte vorbeigeht, wird vermutlich erstaunt sein, was die Katholische Kirche an Schönheit in ihrer Geschichte kulturell hervorgebracht hat. Und sie tut es, mehr als anderswo in Europa, auch heute. Die Aneignung gerade zeitgenössischer Kunst ist für eine in der Geschichte künstlerisch so produktive Institution nicht selbstverständlich, denn üblicherweise tappt das Christentum in Europa ja in die Musealisierungsfalle. Gerade auch im Bereich der Sakralkunst gelingt in der Diözese Graz-Seckau eine Anzahl von „innovativen Bildorten“ in erstaunlicher Vielfalt und Qualität; sie finden weit über die Grenzen dieses Landes hinaus Beachtung. Dazu sind visionäre Persönlichkeiten notwendig. Zwei von ihnen, die keine gegenwärtigen Player vor Ort mehr sind, sind an dieser Stelle zu nennen: Josef Fink (1941-1999), der Gründer des Kulturzentrums bei den Minoriten, und Hermann Glettler, (der, obwohl Hauptinitiator dieses Projekts, uns noch vor dem Endmarathon dieser Ausstellung als Bischof von Innsbruck verlassen hat). Nötig ist aber auch ein Klima des gegenseitigen Interesses, wo Derartiges möglich werden kann: Dazu sind Institutionen notwendig und eine kontinuierliche Arbeit vor Ort. Das anlässlich der Konzilsjubiläum vor drei Jahren erschienene Buch „Sakral : Kunst. Innovative Bildorte seit dem II. Vatikanischen Konzil in der Diözese Graz-Seckau“ wird zu dieser Ausstellung – durchgesehen und leicht erweitert – neu aufgelegt.

Kreuz und Offenbarung

Den ersten Abschluss findet die Ausstellung in Form von künstlerischen Zeichensetzungen, die eng mit dem Christentum verbunden sind: dem Kreuz und der Offenbarung. An der Engelkapelle in Seckau, die zu den bedeutendsten Dokumenten moderner Sakralkunst in Österreich zählt, schält Hermann Glettler, Bischof von Innsbruck, eine Vision der Offenbarung in vier Christusbildern heraus: Das apokalyptische Lamm, das mit einer Leichtigkeit die sieben Siegel – die Geheimnisse der Weltgeschichte – öffnet, tritt dem jugendlichen Weltenrichter mit dem Lächeln „...weil er g’wunnen hot“, gegenüber; der geschlagene Schmerzensmann unter den Inszenierungen der Welt steht gegenüber dem ewigen Hohepriester im Gegenlicht.

 

Im anschließenden Ausstellungsraum wird noch einmal die Zeit des Anfangs aus der Diözese mit jener der Gegenwart verbunden. Das romanische Kreuz aus Pürgg (1220), das zu den wertvollsten Beständen des Diözesanmuseums zählt, ist verbunden mit einer meditativen Führung durch die Johanneskapelle durch Peter Schleicher, einem ausgewiesenen Experten mittelalterlicher Theologie: Er lässt uns an den wohl bedeutendsten romanischen Fresken Österreichs im Licht der byzantinischen Theologie teilhaben, zieht Parallelen zur Kathedrale von Chartres und interpretiert den Freskenzyklus als Bildpräsenz Gottes, „der ist, der war und der kommen wird“. Der bekannte Katzen- und Mäusekrieg erhält durch ihn eine völlig neue, schlüssige Interpretation. Die andere Seite dieses Raums wird durch zeitgenössische Kreuze aus den Sammlungen der Diözese definiert. Die künstlerische Auseinandersetzung umspielt facettenreich und erfrischend die nicht domestizierbare Kraft und unerschöpfliche wie widerborstige Bedeutungsfülle eines auch zum Gebrauchs- und Schmuckgegenstand gewordenen Zeichens. So erinnert dieser Abschluss an den Anfang des Ausstellungsrundgangs und der Problematsierung religiöser Zeichen heute.

Kleine und große Nachspiele: Die Multiplikationen steirischer Sakralorte durch Hartwig Bischof am Gang, der „Film der Antworten“ von Peggy und Thomas Henke im Meditationsraum, die Hörstationen in der Kapelle mit Aufnahmen von „Allezeit. Liturgiemosaik“ und das große „Speisesaal-Bild“ von Muntean/Rosenblum, die in diesem Raum auch den Film gedreht haben, der von „Schuldig Verblieben“ in einer sich auflösenden Gesellschaft handelt: Sie verschränkt  diese Ausstellung „Last&Inspiration“ mit „Glaube Liebe Hoffnung“ im Kunsthaus. 

 

800 Jahre
Diözese Graz-Seckau
Dez 2017 - Sep 2018