Grenze Öffnung & Heimat

Datum
10.5. – 26.10.2018

Eröffnung
9.5.2018, 18 Uhr

Ort
Schloss Seggau
Seggauberg, 8430 Leibnitz

Öffnungszeiten
Fr, 14 – 18 Uhr, Sa, So und an Feiertagen: 10 – 16 Uhr
Führungen Sa, 14 Uhr und So, 11 Uhr und Mi, 18 Uhr (vom 22.6. bis 19.9.)

Führungen
nur mit Anmeldungen möglich (mind. 10 Personen)
Kontakt: +43 3452 82435-0, kienreich@seggau.com

Nicht bei seiner Kathedrale, sondern in der fernen „Burg Leibnitz“ residierte – bis 1786 – der Seckauer Bischof. Heute ist dieses Schloss Seggau ein Ort der Gastlichkeit und des Dialogs im südsteirischen Weinland. Es ist eine der vielen Burgen, die die „Steier-Mark“ einst am äußersten Rand des Heiligen Römischen Reiches schützen sollte, später vor allem vor Einfällen aus dem Osten. Ein Ort, der Grenzerfahrung und Schutzbedürfnis bündelt. In dieser Ausstellung in den bislang nicht zugänglichen Gewölberäumen des Oberschlosses und im Glockenturm mit der größten Glocke der Steiermark wird über Heimat nachgedacht, über verschobene Grenzen und über die Erfahrung des Schutzes unter dem Mantel des Glaubens. Die Fluchtgeschichten der Gegenwart und der Vergangenheit sind Teil dieses Blicks in die Zukunft.

Wo brauchen wir Grenzen?
Müssen (wollen) wir uns in Österreich und in der Steiermark um andere kümmern? Die allerjüngste Gegenwart hat gezeigt, wie sehr unser Selbstverständnis um diese Frage kreist. Religion, Kultur und Brauchtum stiften Identität. Und Identität braucht Grenzen. Nur wo? Das Christentum lebt vom Überschreiten der Grenzen, gerade der Aufbruch und die Befreiung aus der Knechtschaft sind seiner biblischen Grunderzählung eingeschrieben. Grenzerfahrungen sind im kollektiven Gedächtnis der Steiermark tief verwurzelt. Wie wird dieser Erfahrungshorizont erweitert? Wo gibt es Orte der öffentlichen Toleranz für Andersdenkende, für anders Glaubende, für andere Lebensformen?

teilnehmende KünstlerInnen:
Clemens Hollerer, Edgar Honetschläger, Erwin Lackner, Branko Lenart, Inge Morath, Kristina Schranz, Christoph Schmid und Heinz Trenczak.

Kuratiert von Alois Kölbl und Johannes Rauchenberger in Kooperation mit der FH-Joanneum Ausstellungsdesign

Details zur Ausstellung

 

Heimat an der Grenze
Die weltberühmte Fotografin Inge Morath (1923-2002) war eine Weltbürgerin mit einigen Wahlheimaten in Europa und Amerika. Immer wieder kehrte sie in „das Paradies ihrer Kindheit“, wie sie es nannte, das Gebiet der Südsteiermark und der Štajerska in Slowenien, zurück. 2001 brach sie mit der Filmemacherin Regina Strassegger noch einmal zu einer Spurensuche auf. Es sollte ihre letzte Reise vor ihrem Tod werden. Entstanden ist eine feinfühlige Fotoserie diesseits und jenseits der steirisch-slowenischen Grenze. Bilder von alten Gehöften, deren Gebäude auf beiden Seiten der Grenze stehen, verbinden sich mit Dokumentationen religiösen Brauchtums, das die Anzeichen des Verschwindens schon in sich trägt, und intimen Aufnahmen persönlicher Rituale und Traditionen. Die Bilder atmen Last und Inspiration eines umkämpften Gebietes, an dem Grenzen immer wieder verschoben wurden, wo Weitergabe und Überlieferung von eigener Tradition und Kultur mit Abgrenzung und Befruchtung durch das Fremde ein Narrativ und eine Kultur ganz eigener Art hervorgebracht haben.

Grenz-Markierung
In vielen indogermanischen Sprachen findet sich die Bezeichnung „Mark“ für Grenzregion. Grenze in all ihren Dimensionen gehört zu den kulturbestimmenden Narrativen der heutigen Steiermark. Das Bewusstsein einer gemeinsamen Geschichte und Kultur der heutigen Südsteiermark mit der slowenischen Štajerska wächst ob der historischen Verwerfungen und machtpolitischen Auseinandersetzungen nur langsam. Abgrenzung und Verteidigung bestimmten Kultur und Bewusstsein mehr als das, was Sein an der Grenze auch sein kann: Chance zu Austausch, Dialog und gegenseitiger Befruchtung.
​Grenz- oder auch Mark-Steine gibt es seit dem Mittelalter. Die Habsburger, vor allem Kaiserin Maria Theresia und ihr Sohn Kaiser Joseph II., haben in Zentraleuropa mit Grundbuch und Kataster viel zum System einer funktionierenden Landadministration beigetragen. Moderne Grenzsteine bestehen meist aus Granit oder Beton mit einem Kreuz an der Oberseite, das die Grenzlinie markiert.

Schallwellen über Grenzen hinweg
Der Bastionsturm von Schloss Seggau steht mächtig vor dem steirischen Grenzland. In ihm hängt die größte historische Glocke der Steiermark, die noch händisch sonntags geläutet wird. Seine Holzkonstruktion im Innern nimmt der steirische Künstler Clemens Hollerer auf, um neu über Konstruktion und Freiheit nachzudenken. Sein Werk kommt von der Ästhetik von Baustellenabgrenzung genauso her wie sie menschliche Bewegungen im Raum beschreibt. Die für diesen Ort entwickelte Installation ist von der Ausbreitung der Schallwellen über Grenzen hinweg inspiriert.

Zurück an die Grenze?
Die Grenze zwischen Österreich und dem ehemaligen Jugoslawien hat viele Dramen erlebt. Im Zweiten Weltkrieg wurden Tausende Juden über die Grenze geschmuggelt. Später war die „grüne Grenze“ der einzige Ausweg, aus dem kommunistischen System zu entkommen. Erst 2007 wurde mit dem Schengener Abkommen diese Grenze abgeschafft. Die Flüchtlingswelle 2015 hat dem Bild der nahen Grenze ein neues Gesicht verliehen. „3400 Semmeln“ von Heinz Trenczak und „Spielfeld“ von Kristina Schranz dokumentieren eine Situation, die Österreich verändert hat.

 

Sie wollten entrinnen dem Schlachten
1939 hat Bert Brecht in seinem Gedicht „Kinderkreuzzug“ die Situation von jüdischen Kriegswaisen in Polen thematisiert, die nach dem Polenfeldzug auf der Suche nach einem friedlichen Land durch ihre zerstörte Heimat irren und schließlich an Hunger und Kälte zugrunde gehen. 2017 greift der Künstler Erwin Lackner Textteile, die auch 75 Jahre nach ihrer Entstehung nichts an ihrer Aktualität verloren haben, in vier Schrift-Bild-Objekten auf und verbindet sie mit heutigen Fluchtbewegungen und der bleibenden Suche nach dem friedlichen Land, das noch immer für nicht wenige Menschen unerreichbar bleibt. Wie in früheren Arbeiten verknüpft er dabei analoge und digitale Medien: Zuckerstücke über einem Wolfsfell, der Ausschnitt einer Schallschutztür oder das Bild eines röhrenden Hirsches verschmelzen mit Brechts Textpassagen, die erst durch einen Bewegungsmelder für die Betrachter sichtbar werden, zu assoziationsreichen Bildern der Suche nach Heimat, Frieden und Schutz.

  • Erwin Lackner, Sie wollten entrinnen den Schlachten, Opalglas bedruckt, unterschiedliche Materialien, Lichtinstallation, 4-teilig, je 100 x 85 x 6,5 cm, 2017/18 Courtesy Erwin Lackner

 

Über die Schwelle
Die eingemauerten Römersteine an der Fassade von Schloss Seggau erinnern an die antike Kultur, die bis hierher gereicht hat. An einer Epochenschwelle setzt das Video des österreichischen Künstlers Edgar Honetschläger an: Die berühmten Mosaiken der sizilianischen Villa del Casale in Filosofiana bei Piazza Armerina aus dem 4. Jahrhundert nach Christus, für deren Erstellung der Auftraggeber in einer geistesgeschichtlichen und künstlerischen Umbruchszeit bewusst auf Künstler aus Nordafrika setzte, bilden den Ausgangspunkt eines bildkünstlerischen Diskurses, der sich mit der Musik des Komponisten Peter Ablinger verbindet. Bei den Dreharbeiten gerät der Künstler in Kontakt mit Flüchtlingen aus Nordafrika und kann nicht anders, als den epochalen Paradigmenwechsel der Antike mit den Flucht- und Migrationsbewegungen unserer Zeit, antike Sklaverei mit sozialer Ungerechtigkeit und der Not unserer Tage zu verschränken. Während sich die Mosaikbilder in der künstlerischen Bearbeitung immer mehr auflösen, werden die Gesichter der Flüchtlinge in eine emotional bedrängende Nähe geholt.

 

 

800 Jahre
Diözese Graz-Seckau
Dez 2017 - Sep 2018